November 03, 2017

{Kolumne} Wage es

Als ich mir zum ersten Mal ernsthaft Gedanken über den Sinn des Lebens machte, über das, was ich erreichen möchte, über Glück und Trauer, Drama und die große Liebe, stieß ich am Ende immer wieder auf genau eine Frage: Denke bloß ich so viel nach, oder gibt es andere in meinem Alter, denen es genauso geht?

Inzwischen, ein paar Jahre älter und (hoffentlich) aus den auffressenden-dramatisch-chaotisch-pubertären Zeiten heraus gewachsen (würde man meine Eltern fragen, würden sie diese Frage zu 100%-iger Sicherheit mit 'nein' beantworten und lachen), sehe ich die Dinge ein bisschen anders. Ich weiß, dass es mit mir noch zig Millionen andere junge Menschen gibt, die sich Minute um Minute den Kopf zerbrechen. Seien es belanglose Themen à la „Warum ist jeder so verrückt nach Avocados?“ und „Ist Snapchat das Tagebuch von heute?“ oder tiefgründige Fragen wie „Kaffee oder eine Stunde früher Heim?“

Wir denken unfassbar viel nach.
Zerbrechen uns den Kopf und werfen mit all den Szenarien unseres Gedankenkarussells umher wie mit Porzellantellern. Der besagte Elefant ist bei uns bereits zum Dinosaurier geworden.

Wir denken unfassbar viel nach. Und übersehen dabei den Slogan an der Hauswand gegenüber:

„Wage es, das Leben zu lieben!“
Das Leben zu lieben. Wie soll ich dieses seltsame Etwas denn lieben, wenn ich noch nicht einmal weiß, was es ist, oder was ich bin?

„Wage es, nach dem Sinn deines Lebens zu suchen!“
Schon wieder dieses Wort, das ich nicht identifizieren kann. Deshalb ziehe ich den Duden zu Rate, der sagt:
1.) Gefühl, Verständnis für etwas; innere Beziehung zu etwas
a) (gehoben) jemandes Gedanken, Denken
b) (gehoben) Sinnesart, Denkungsart
2.) gedanklicher Gehalt, Bedeutung; Sinngehalt
3.) Ziel und Zweck, Wert, der einer Sache innewohnt

Stimmt. Das war wieder der Sinn des Lebens.

„Wage es, deinen eigenen Lebensstil zu finden!“
Und was genau hat Stil? Wenn ich mit halb offenen Knien durch die Straße laufe und mir aufgrund des fehlenden Jeansstoffes eine Blasenentzündung einfange? Oder wenn ich das trage, was mir gefällt, und dafür abwertende Kommentare meiner älteren Nachbar in meinem Komplimente-Glas sammeln kann?

„Wage es, den nächsten Schritt zu tun!“
Das ist es. Genau das, was uns von sämtlichen anderen Generationen vorgeworfen wird, was wir nicht tun würden.
Nicht weiter gehen.
Unser Leben nicht in die Hand nehmen.
Unser Leben nicht schätzen.
Uns nicht entscheiden können.
Nicht wissen, wie gut es uns eigentlich geht.

Und dabei vergisst jeder, dass man einer Generation keinen Namen geben kann und dass man erst recht nicht alle Jugendlichen in eine Schublade einordnen sollte.
Denn sind wir das nicht: Jung, wild, bunt. Vielfältig. Voller Chancen und Ideen. Wir selbst, mit einem eigenen Lebensstil, einem eigenen Sinn für all das. Verschieden. Anders. Und doch geeint.

Aus diesem Grund sollten wir es wagen.
Ohne dafür verurteilt zu werden.
Denn wir sind so viel mehr, als eine Generation.
Wir sind jeder für sich ein Individuum und 'Y' bloß ein Buchstabe unter vielen.
 Bilder: Donau in Regensburg, Oktober 2017

Oktober 03, 2017

Der letzte Sonnenstrahl des Sommers

Bevor die Tage kürzer werden, die Sonne früher hinter dem Hügel verschwindet und der Wind mich frösteln lässt, streife ich ein letztes Mal durch die Wiesen. Lege den Kopf in den Nacken und blicke nach oben gen Himmel. Einzelne Sonnenstrahlen kitzeln in meinem Gesicht und unwillkürlich schleicht sich ein Lächeln um meine Mundwinkel. Ich lasse das Gras hinter mir, folge dem schmalen Pfad hinein in den Wald. Links und rechts von mir große, mächtgie Tannen. Meine Beschützer. Wie oft bin ich in letzter Zeit durch den Zauberwald gestreift. 
Und so richte ich den Blick nach vorne und sehe doch immer wieder zu den Seiten. Da stehen sie und winken. Meine besten Freunde, meine Wegbegleiter. Was haben wir diesen Sommer über nicht alles erlebt?  
Eine Nacht, voll funkelnder Kleider, herzlicher Worte und Tränen, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie vor Freude oder Traurigkeit flossen. Weitere Nächte folgten, in denen wir eng aneinander geschlungen, umzingelt von weiteren Menschen, auf der Tanzfälche alles gaben, die Augen schlossen und die Musik spürten. Auf die Nächte folgte Tage, wie glitzernde Tautropfen. Kleine und große Abenteuer. Von einer Reise mit der besten Freundin durch die Weiten der britischen Insel. Trainadventure nannten wir es liebevoll und genau das war es. Ein Abenteuer, das viel zu groß für uns schien und unser Herz mit unvergesslichen Momenten füllte. Doch auch die kleinen Abenteuer, so bunt und süß, zogen sich durch diesen Sommer. Hoch hinaus auf einen Berg von dem aus wir unsere Heimat mit anderen Augen sahen. Abende am Lagerfeuer mit verkohlten Würstchen und Wunderkerzen. Zu viel Bier und Schmerzen im Bauch vor lauter Lachen. Bunte Fahrgeschäfte und ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Als läge die Welt in unseren Händen
Und so gehe ich weiter, vorbei an den Städten und Universitäten an denen ich mein Glück versuchte und reich belohnt wurde. Wunderbare Menschen, die mich begleiteten, die ich nach langer Zeit endlich wieder sah oder neu kennenlernte.
Die Arbeit am Wasser, die mir meine Verantwortung erst richtig bewusst machte, mich lehrte, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen und mir zeigte, wie schnell ein Leben vorbei sein könnte, wie kostbar unseres ist.
Ganz vorne meine Familie. Die Hände schützen erhoben, mit den Handflächen nach oben, um mir zu zeigen, wie reich mein Leben an schönen Momenten ist.
Eine große Reise, eine Insel mitten im Meer. Madeira war ein Abenteuer der besonderen Art. Die Insel verschlug mir die Sprache, ich erinnerte mich an ein Picknick mit Tomaten auf dem Hotelbalkon und verschütten Wein. An Wanderungen über den Wolken und an Meeresschwimmen, das mehr Sommer nicht hätte sein können. 
Freibadbesuche mit der kleinen Schwester, die gar nicht mehr so klein ist. Kaffee trinken. Lachen. Weinen.
Es heißt, der Sommer nach dem Abitur, sei der beste und längste des Lebens. Und als ich so weiter gehe spüre die die letzten Sonnenstrahlen des Sommer auf meinem Gesicht. Ich bin hier, stehe am Rande meines besten Sommers und die Sonne geht langsam unter.

September 30, 2017

Sie sagten: Jedem Ende wohnt ein Anfang inne

Als ich klein war, kochte Mama mir immer Kakao, wenn ich traurig war.
Heute ziehen die Wolken an mir vorbei. Wechselnde Szenarien. Umschwung.
Das leere Zugabteil, nur ich und die weißen Seiten und die Felder, auf denen die Stummel des goldenen Getreides nur noch zu erahnen sind. 
Ein Tupfer blau, ich sehe ihn genau und spüre ihn, die Kornblume, in meiner Hand. Meine liebsten Blumen - zumindest früher
Ein Wort, das mich von dem Heute trennt und doch so vieles umschließt.
Die letzte Nacht im eigenen Bett rückt immer näher. Ein Kinderzimmer, das längst keines mehr ist.
Der Wald liegt im Schatten des Hauses. Mein Zuhause. Die Bäume meine Beschützer. Meine Hüter des Lichts und die besten Zuhörer.
Sie sagten: Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Doch warum sagten sie mir nicht, dass das Ende traurig und schön zugleich sein kann?

September 28, 2017

"Hygge! Das neue Wohnglück" von Marion Hellweg

Ich habe eine neue Obsession entwickelt: Ratgeber. Lange bin ich um dieses nichtfiktionale Genre herum geschlichen und habe mich nie wirklich daran getraut, doch seit dem Gedanke an die eigene Wohnung habe ich auch einen Zugang zu Ratgebern gefunden. Diese können alles andere als trocken sein und bieten so viel Raum für eigene Gedanken.

Mit Marion Hellwegs "Hygge! Das neue Wohnglück"* aus dem DVA-Verlag zog nicht nur das erste Interior-Buch bei mir ein, sondern ich beschäftigte mich erneut mit der dänischen Lebensphilosophie, diesmal auf eine ganz andere und zugleich passende Art. Denn wann bietet sich ein Wohnbuch besser an, als kurz vor bzw. während dem Umzug?
Vorgestellt habe ich mir solch ein Wohnbuch aus dem hohen Norden ganz nach dem klassischen Klischee: Hochglanzbilder von perfekt aufgeräumten Zimmern, in denen jedes Möbelstück aufeinander abgestimmt ist und man das Gefühl hat, vor lauter Sterilität kaum einen Schritt in die Wohnung machen zu können. Doch "Hygge!" hat mich von meinen Wohnbuch-Vorstellungen gänzlich abgebracht.  Natürlich sind auch hier die Wohnräume perfekt in Szene gesetzt, doch von der gewissen Sterilität merkt man hier nichts. Viel eher verstörmt das Buch ein behagliches Gefühl - hyggelig eben.

Der Einband des Buches ist zugleich aufwendig und schlicht gestaltet. Das Titelbild, mit den für den Norden typischen schwarz-weißen Akzenten, wirkt auf den Betrachter ruhig, aber auch stimmig. An den Seiten und über den Buchrücken wurde eine Art Streifenmuster gezogen, sodass sich das Wohnbuch abhebt und allein der Einband als Blickfänger gilt.
Auch die Aufmachung des Buches ist sehr ästhetisch. Man spürt einen modernen Stil, der mit der Gemütlichkeit des dänischen Hygges kombiniert wurde und diese Mischung zieht sich wie ein roter Faden durch das Sachbuch.

"Die Mischung aus Lebensfreude und Individualität macht ein Hygge-Home aus"
(S. 11)


Aufgeteilt ist Marion Hellwegs Werk in acht Kapitel, in denen man als Leser Einblicke in verschiedene Wohnungen/Häuser bekommt. Unterschieden wird hierbei in unterschiedliche Stilrichtungen wie "Dänisch mit Stil", "Froh und munter", "Wohnen mit Pflanzen", "Stilmix in Weiß", "Nordisch mit Charme", "Ländlich und feminin" sowie "Natürlich mit Esprit" und "Frisch und modern". So verschieden die Stile auch klingen mögen., vereint die Wohnräume doch alle durch das eine: das geborgene, vertraute und wohlige Wohngefühl.
Neben dem "Durch's-Fenster-spitzen" in andere Wohnungen befindet sich in jedem Kapitel ein kurzes Interview mit Menschen, die sich mit Interior beschäftigen, so zum Beispiel mit dem Gründer von &tradition (ein dänisches Designunternehmen) Martin Kornbek Hansen. Doch auch einige Blogger wurden interviewt, was dem Buch eine gewissen Frische und Abwechslung bereitet. Darüber hinaus findet man in jedem Kapitel Inspirationen, um das eigenen Heim hyggeliger zu Gestalten, seien es Lichtquellen, verschiedene Materialien oder Pflanzen, Blumen und Zweige.
Auch wenn Wohnbücher in Zeiten von Instagram, Pinterest und all den Wohnzeitschriften einen schweren Bestand haben, zeigte gerade Marion Hellwegs "Hygge! Das neue Wohnglück", dass es sich lohnt, die Interior-Inspiration selbst in den Händen zu halten. Denn dieses Buch ist nicht nur für jede Wohnung ein echter Hingucker, sondern regt die eigene Dekorations-Lust an, inspiriert und bringt mit dem nordischen Wohnstil ein Stück Hygge in jedes Heim.



* Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem DVA - Verlag und dem Bloggerportal. Ein herzliches Dankeschön für dieses tolle Rezensionsexemplar.
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